In der Krise – und ich denke an Elia
Wenn die Krise groß wird. Wenn sie droht alles zu überschatten. Wenn die Krise ausweglos zu sein scheint. Dann kommen Fragen. Gefühle von scheitern. Demütigung. Gedanken: Ich will hier nur noch raus. Ich denke an Elia. Der Prophet Elia hat eine tiefe Krise. Er scheitert an seinem Auftrag und flieht in die Wüste, um zu sterben. Wirklich existenziell ist seine Krise: Gescheitert. Verfolgt. Gedemütigt. Er kann nicht mehr und will nicht mehr. Er legt sich hin - nur noch sterben. Was uns vielleicht zunächst fremd erscheint, kann in der Wüste schnell Realität werden. Um zu sterben in die Wüste gehen ohne Wasser, ohne Vorräte wird tatsächlich bald den Tod bringen. Das hat Elia vor sich. So verzweifelt ist er. So ausweglos scheint seine Lage.
Doch G*tt hat noch etwas mit Elia vor und rührt Elia an. Der Bote Gottes spricht in die aussichtslose, hoffnungslose Lage: Steh auf, iss, denn der Weg, der vor dir liegt, ist weit!“ (Über die Zeit der Königinnen und Könige: Erstes Buch 19,7b).
Kein: „Verständlich wie schlecht es dir geht, aber lass dich doch bitte nicht so gehen.“ Kein: „Durch diese Krise musst du durch, aber danach wird es leicht.“ Kein: „Komm ich ebne dir den Weg, dass du nie wieder eine solche Krise erleben musst.“ Vielmehr ein schlichtes „Steh auf und iss“, ein Imperativ, eine Anweisung. Verweigern scheint zwecklos. Und nun folgt auch noch ein weiterer Satz, nämlich bereits die Ankündigung: „denn der Weg, der vor dir liegt, ist weit.“
Ich höre hier mit: Der Weg wird lang, wird steinig. Es wird nicht leicht. Ich höre aber auch: Du hast einen Weg vor dir.
Es endet nicht hier. Elia macht sich auf den Weg. Er wandert - gestärkt - zum Gottesberg Horeb. Er wird dort noch einmal heftig klagen und fragen. Er wird aber auch G*tt begegnen, ganz wunderbar und besonders. G*tt erscheint Elia und wird ihm einen neuen Auftrag geben. Elia wird dafür ein Stück des Weges zurückgehen müssen. Ein langer Weg also, ein Weg mit manchem Umweg, mancher Kurve. Aber ein Weg. Ein Weg mit G*tt. In der tiefsten Stunde ist G*tt bei Elia.
Zugleich aber erfährt Elia nicht nur Bauchpinseln, sondern wird direkt aufgefordert los zu gehen. Weiter zu gehen. Sich aufzumachen.
In Krisen in denen wir denken und empfinden: „Nun ist es vorbei“ „Ich kann nicht mehr“ „Ich will auch nicht mehr.” Ist G*tt da. Hält aus. Iss und trink der Weg ist weit. Und fordert auch uns auf los zu gehen. Elia musste mitten in seiner Krise, in seiner Not durchaus selbst aufstehen losgehen. Er wurde nicht getragen.
Die Stärkung hätte ihm vielleicht ein, zwei Tage Schonfrist in der Wüste gegeben, viel mehr nicht. Der Tod kommt schnell, in der Wüste. Er musste aufstehen und gehen. Den langen Weg antreten, ohne zu wissen wohin dieser Weg führt. Das beeindruckt mich. Elia geht. Elia lässt sich hier wieder auf G*tt ein und folgt der Anweisung. Und doch wird er auch noch einmal klagen. Er wird mit G*tt seine Krise aufarbeiten. Und G*tt wird sich ihm zeigen.
Wenn wir uns aufmachen in unseren Krisen, in allen Fragen und Zweifeln, in Lebenssituationen, die ausweglos und fest gefahren scheinen, bin ich sicher, dass auch wir das erleben können: Gegenwart Gottes. Auch lange Wege. Nicht alles einfach. Nicht breiter Weg. Aber ein Weg. G*tt zeigt sich auch uns. Heute. Halten wir die Augen auf.
Steh auf und iss! Denn der Weg, der vor dir liegt, ist weit.
Und Elia geht.
Hilde Domin schrieb in ihrem ersten Gedichtband (Nur eine Rose als Stütze):
„Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug.“
Ja, vielleicht so.